Wohnheim für Jugendliche in Ausbildung

 

Kurzkonzept Varnbüel St. Gallen


Auftrag / Wer wir sind

Wir sind ein koedukativ geführtes Wohnheim für normalbegabte Jugendliche im Alter von 15 bis 25 Jahren. Mit betreuten Aussenwohnungen (AWG) im Sinne einer Progressionsstufe und unserem Projekt Care Leaver (Nachbetreuung) runden wir unser Angebot ab.


Die Platzierungsgrundlagen bilden jugendstrafrechtliche Unterbringungen (JStG Art. 15), zivilrechtliche Unterbringungen (KESB-Beschlüsse ZGB Art. 310), IV Platzierungen oder freiwillige Eintritte auf Wunsch der Erziehungsberechtigten und der Jugendlichen. Die Finanzierung des Aufenthaltes gestaltet sich über Versorgertaxen und Subventionen des Bundesamtes für Justiz (BJ) und des Kantons St. Gallen.

Mit unserem Angebot unterstützen und begleiten wir Jugendliche auf ihrem Weg in die Erwachsenenwelt. Wir orientieren uns an der gesellschaftlichen Normalität und stellen dabei den Menschen als Individuum in den Vordergrund unseres Handelns. Unser Auftrag ist es, Jugendliche mit ihren individuellen Problemstellungen im Verwirklichen ihrer Ziele und in der Entwicklung ihrer Ressourcen zu unterstützen und sie auf ihrem persönlichen Lebensweg zu fördern und zu fordern. Eines unserer wichtigsten Anliegen bildet die Unterstützung und Begleitung im Erreichen eines Schul- und / oder Lehrabschlusses. 

Leistungsangebot

Das Wohnheim Varnbüel und das externe Büro der AWG befinden sich im Zentrum der Stadt St. Gallen. Unser Angebot umfasst acht interne Wohnplätze im Wohnheim und sechs externe in den AWG. Das Wohnheim und die AWG verfügen je über einen Reserveplatz, welcher individuell und nach Bedarf genutzt werden kann. Grundsätzlich stehen unsere Angebote während 365 Tagen pro Jahr zur Verfügung. Im Wohnheim ist während 24 Stunden die Anwesenheit einer Fachperson gewährleistet und in pädagogisch wichtigen Zeiten eine Doppelbesetzung eingeplant. Während den Betriebsferien ist ein Pikettdienst eingerichtet und ein Notfalldispositiv vorhanden. Eintritte sind grundsätzlich während des ganzen Jahres möglich, mit der Voraussetzung, dass freie Plätze vorhanden sind und das Aufnahmeverfahren abgeschlossen ist.


Zielgruppe und Indikation

Unser pädagogisches Betreuungs- und Förderangebot richtet sich an Jugendliche beiderlei Geschlechts, welche durch verschiedene Erziehungsdefizite und / oder schwierige Biographien zu Verhaltensauffälligkeiten, Orientierungslosigkeiten, allgemein starken Gefährdungen, adoleszenten Krisen und psychischen Problemen neigen. Viele der platzierten Jugendlichen weisen eine komplexe posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) auf. Sie bedürfen eines Milieuwechsels und einer professionellen, stationären Begleitung, um ihre individuellen Störungsbilder zu bearbeiten. Voraussetzung für eine Platzierung ist die Fähigkeit, einer externen Tagesstruktur nachzugehen, wie beispielsweise der Besuch einer Schule, das Absolvieren einer Berufslehre oder eines Praktikums.


Führung und Organisation

Trägerschaft unserer Organisation bildet der Verein «Varnbüel St. Gallen, Wohnheim für Jugendliche in Ausbildung». Der Vereinsvorstand ist für die strategische Führung verantwortlich und nimmt eine interne Aufsichtsfunktion wahr.

Das Varnbüel ist durch die IVSE, vom BJ wie auch durch das Amt für Soziales des Kantons St. Gallen (Betriebsbewilligung und Beitragsberechtigung) anerkannt und steht unter deren Aufsicht.
Die operative Führung obliegt der Gesamtleitung (Wohnheim und AWG). Alle Mitarbeitenden des Kernteams verfügen über eine anerkannte Fachausbildung.


Pädagogische Haltung

Das Grundgerüst für unsere pädagogische Haltung bilden folgende Theorien: Systemorientierte Sozialpädagogik, Prozessorientierte Sozialpädagogik und Traumapädagogik. Wir verfolgen somit einen multidisziplinären Ansatz. Veränderungen beobachten wir sorgfältig und reflektieren Entscheidungen in Bezug auf die angewandten Methoden.

Im Sinne der Systemorientierten Sozialpädagogik beziehen wir alle relevanten Systeme mit ein, die das Lebensumfeld der Jugendlichen betreffen. Dabei ist es uns wichtig, die einzelnen Rollen zu definieren, die verschiedenen Ziele, Interessen, Verantwortlichkeiten und Kompetenzen der beteiligten Systeme zu koordinieren und zu vernetzen. Durch die Einbindung und Befähigung aller am Prozess beteiligter Personen führt die Systemvernetzung zu einer gelingenden Arbeitsgemeinschaft und einer möglichst optimalen Alltagsgestaltung für die einzelnen Jugendlichen.

Basierend auf die prozessorientierte Sozialpädagogik sind wir der Auffassung, dass der Lebensprozess als solcher einen Sinn in sich trägt. Es ist uns ein Anliegen, die Prozesse der Jugendlichen aufmerksam wahrzunehmen und respektvoll in unsere Arbeit zu integrieren. Wir betonen das Prozesshafte und überprüfen die Wirkung unserer Interventionen fortlaufend auf ihre Sinnhaftigkeit, wobei wir darauf achten, für individuelle Lösungen offen zu bleiben.

Traumapädagogik verstehen wir weder als Therapieansatz noch als konkrete Vorgehensweise in Konfliktsituationen. Sie umschreibt keine Methodik, sondern dient den Mitarbeitenden als Haltungsgrundlage. Im Sinne der traumapädagogischen Haltung gehen wir davon aus, dass jede Verhaltensweise auf einem «guten Grund» basiert. Eine weitere Hilfe bietet das Wissen über das «dreigliedrige Hirn» (z.B. Trigger). Ein «sicherer Ort» schafft die Grundlage für korrigierende Beziehungserfahrungen.


Kernarbeit

Der Alltag im Heim bietet zahlreiche Situationen, in denen individuelle Themen beobachtet und erlebt werden können. Durch unmittelbares Reagieren werden die Geschehnisse als Lernchancen genutzt. Im stationären Setting entsteht somit eine hohe Dichte an Lernmomenten, welche neue Handlungsoptionen für die Jugendlichen erschliessen können. Grundlegend dafür ist die Arbeit eines erfahrenen und disziplinierten Teams mit hohem Methodenwissen, das den Zugang zu den Jugendlichen herstellen kann und bereit ist, sich gemeinsam mit ihnen in Prozessen weiterzuentwickeln.

Wir unterstützen die Jugendlichen in den Bereichen Sach-, Selbst- und Sozialkompetenz und begleiten diese Prozesse mit unserer Persönlichkeit, unserer Präsenz und unseren Fach- und Methodenkenntnissen.


Bezugspersonensystem

Die Bezugspersonen gestalten die Zusammenarbeit den individuellen Bedürfnissen der Jugendlichen entsprechend. Die Beziehungsarbeit bildet die Basis für eine aufbauende Alltagsgestaltung. Die Bezugspersonen sind verantwortlich für die Förderplanung, die Fall- und die Aktenführung. Sie entwerfen gemeinsam mit den Jugendlichen das Budget und legen es der zuständigen Behörde zur Bewilligung vor.

Die Förderplanung ist eine zentrale Aufgabe während des Aufenthaltes der Jugendlichen und wird prozess- und zielorientiert umgesetzt. Die Entwicklungsschritte werden fortlaufend an Standortbestimmungen, an Teamsitzungen und in Supervisionen thematisiert.

Die Bezugspersonen vernetzen sich mit dem gesamten Umfeld und entwickeln gemeinsam mit den Jugendlichen Handlungsperspektiven. Durch das Bezugspersonensystem erhalten die Jugendlichen die Chance, sich verbindlich auf Beziehungen einzulassen. Sie machen die Erfahrung, dass Krisen Entwicklungen beinhalten und Beziehungen konstruktiv und unterstützend zu deren Bewältigung beitragen können.


Berufsfindung und Ausbildung

Jede Bezugsperson unterstützt die Jugendlichen intensiv in ihrem individuellen Berufsfindungsprozess und während ihrer Ausbildung. Die enge Zusammenarbeit mit den an der Ausbildung beteiligten Personen gewährleistet die Früherkennung von Problemen. Diese können zeitnah bearbeitet werden und somit massgebend zur Erhaltung des Ausbildungsplatzes beitragen.


Übertritt in die Progressionsstufe AWG

Ein Übertritt in die AWG und die dazugehörige Übertrittsphase wird an einer Standortbestimmung gemeinsam mit den Jugendlichen, den Eltern und der unterbringenden Behörde beschlossen und geplant.

Die Erfahrung hat uns gezeigt, dass es nicht sinnvoll ist, für alle Jugendlichen dieselben Kriterien an Selbständigkeit zu definieren, um den richtigen Zeitpunkt für einen Übertritt in eine AWG zu bestimmen. Wichtiger erscheint uns die Fähigkeit, Hilfe holen und annehmen zu können. Wenn Jugendliche mit ihrem Verhalten, ihrer Kooperationsbereitschaft zur verbindlichen Zusammenarbeit, Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit zeigen, dass sie für eine andere Wohnform bereit sind, sehen wir einen Übertritt in eine AWG als sinnvoll.


AWG

Im Sinne eines pädagogisch betreuten Anschlussprogrammes stehen sechs Jugendlichen verschiedene Wohnungen in zentraler Lage zur Verfügung. Die Wohnungen bieten jeweils für ein bis zwei Jugendliche Platz. Das externe AWG-Büro befindet sich im Zentrum der Stadt. Das AWG-Team ist für die Jugendlichen und das Umfeld von Montag bis Donnerstag von 10.00 bis 20.00 Uhr telefonisch erreichbar. Ausserhalb der Präsenszeit des AWG-Teams haben die Jugendlichen die Möglichkeit, sich im Notfall Unterstützung im Wohnheim zu holen.

Mit unserem Fachwissen und Können beraten und coachen wir die Jugendlichen insbesondere im Hinblick auf ihre Selbständigkeit. Es findet bei Bedarf ein wöchentlicher Besuch durch die jeweiligen Bezugspersonen bei den Jugendlichen in den AWG‘s statt. Nach Möglichkeit wird an diesen Abenden ein gemeinsames Abendessen zubereitet. Ein zusätzliches Wochengespräch wird in gemeinsamer Absprache im AWG-Büro geplant. Diese Treffen dienen dazu, auftretende Schwierigkeiten unmittelbar zu besprechen, gemeinsam schulische Aufgabenstellungen zu lösen und an ihrer Persönlichkeitsentwicklung zu arbeiten. Das Bewusstsein für die Selbstverantwortung nimmt einen zentralen Stellenwert in der gemeinsamen Arbeit ein.


Austritt

Ein regulärer Austritt findet mit erfolgreichem Abschluss einer Ausbildung statt. Im Fokus steht das primäre Ziel des Erreichens von Unabhängigkeit von professioneller Hilfe und der nötigen Reife, um als erwachsene Gesellschaftsmitglieder ein eigenständiges Leben führen zu können. Die Austrittsplanung beginnt im letzten Ausbildungsjahr, in dem für die Zeit nach der Ausbildung und dem Heimaufenthalt Zukunftsperspektiven entwickelt werden. Insbesondere dort, wo keine oder wenig familiäre Ressourcen zur Verfügung stehen, wächst die Verantwortung, um eine gelungene Verselbständigung des Jugendlichen zu erreichen. In Gesprächen mit den Bezugspersonen werden realisierbare Optionen ausgearbeitet. Die Jugendlichen werden beim Erstellen der Bewerbungsunterlagen, bei der Stellensuche, bei allen administrativen Belangen sowie bei der Wohnungssuche fachlich unterstützt und gecoacht. Wenn keine konkrete Anschlusslösung vorliegt, z.B. keine Arbeitsstelle gefunden werden konnte, wird gemeinsam mit den Jugendlichen eine RAV Anmeldung vorbereitet und entsprechende Fachstellen kontaktiert und miteinbezogen (z.B. Sozialamt, Pro Infirmis, verschiedene Beratungsstellen).


Care Leaver (Nachbetreuung)

Grundsätzlich steht es allen Jugendlichen nach ihrem Austritt zu jedem Zeitpunkt offen, sich bei einem abzeichnenden Bedarf selbst im Varnbüel zu melden. Unsere Erfahrung zeigt, dass sich viele ehemalige Jugendliche mit dem Varnbüel verbunden fühlen und das Team oder die Organisation nach ihrem Austritt zu einem unverbindlichen Gespräch besuchen. Mit unserem Care Leaver-Angebot möchten wir auch diejenigen Jugendlichen miteinbeziehen, die sich nicht selbständig melden oder ihre Anliegen nicht einbringen können. Das Care Leaver-Angebot soll ausschliesslich denjenigen dienen, welche nach dem Austritt keine weitere professionelle Unterstützung von externen Fachpersonen erhalten.

Die Jugendlichen entscheiden selbst, ob sie unsere Unterstützung direkt nach ihrem Austritt beanspruchen möchten, mit einer späteren Kontaktaufnahme einverstanden sind, oder keinen Kontakt mehr wünschen. Für diejenigen Jugendlichen, welche sich dafür entscheiden, steht ein erfahrenes Teammitglied mit anerkannter Fachausbildung als direkte Ansprechperson zur Verfügung. Innerhalb von zwei Jahren nach ihrem Austritt werden die Jugendlichen mindestens zwei Mal aktiv kontaktiert. Die Gespräche und Unterstützungsleistungen werden anhand eines standardisierten Fragebogens dokumentiert.